Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Ironman Mallorca - oder: Aloha Hawaii!

Veröffentlicht am 06.10.2015

Ironman Nummer 8, eigentlich ging ich relativ entspannt an den Start. Nervös ist man immer, aber mein großer Traum für diese Saison hatte sich mit der Qualifikation für Australien ja bereits erfüllt, also war das Motto für Mallorca "Enjoy and let go!". Enjoy... soweit das bei so einem Vorhaben möglich ist ;-) aber auf dieser wunderschönen Insel gibt es schon einiges zu genießen.

"let go"... die Dinge so annehmen, wie sie kommen, das beste draus machen, es fließen lassen im Wettkampf.. und genau das ist mir gelungen dieses Mal, es ist sozusagen "geflutscht" (wieder mit dem Zusatz "soweit man das bei einem Ironman sagen kann" :-))

Mit einem Sackerl aus dem Bio-Bauernladen im Gepäck voller Rund-um-den-Wettkampfverpflegung stieg ich 5 Tage vor dem Rennen in den Flieger: Gula Java-Kakao, Hirseflocken, Mandelmus, Studentenfutter, Cranberries, Steinsalz, eine Packung Sonnenblumenkerne und ein paar leckere Bio-Riegel begleiteten mich wie immer.

Die Vorbereitungstage liefen sehr gut, bisschen Training, viel Strecke besichtigen, mit dem Auto natürlich, Sonne, Meer und Strand genießen, gut essen und trinken und eine extra Portion schlafen - gut, letzteres klappte nicht so ganz, die mallorcinischen Gelsen hielten mich leider wach.

Trotzdem stand ich ausgeruht und aufgetankt am Start, und motiviert, noch ein letztes mal in dieser Saison Gas zu geben, dann sollte die Jahrespause folgen. Nur vor dem abschließenden Marathon hatte ich großen Respekt, der beschäftigte mich schon sehr in den Tagen davor... eine flache, eigentlich "leichte" Strecke, allerdings viele 180°-turns, die Energie und Kraft kosten und meistens nochmal extra weh tun nach den 180km am Rad, eine Brücke aus Holz, schön mit Sand bestreut, die 5x zu überlaufen war und wie es mit Wind und Hitze an dem Tag aussehen würde, wussten wir natürlich nicht. Auf den Wetterbericht kann man sich auf Mallorca weniger verlassen. Und dann saß mir noch Cozumel in den Knochen, wo der Marathon die Hölle pur war, ich mich fiebrig und krank fühlte, Schmerzen in jeder Zelle meines Körpers hatte und mir noch dazu 2x einfach die Luft weg blieb. Würde das heute wieder passieren oder würde ich laufen können, richtig laufen, nicht nur irgendwie vorwärts kriechen?

 

Startschuss - auf ins herrlich türkise Wasser (es war sogar Neopren erlaubt!! war eigentlich viel zu warm...) und Gas geben, aber doch dosieren, nicht Halbdistanz spielen und das ganze Pulver zu früh verschießen. Das machte richtig Spaß! Gut, ein paar Tritte und Rempler bekommt man schon ab, so ist eben die Marke Ironman, die einfach zu viele Leute an den Start lassen,... ein Fußtritt war besonders unangenehm, ging genau aufs Kinn und ich biss mir dabei auf die Lippe. Tja, ein paar Kampfspuren gehören dazu :-)

 

Nach 1:02 stieg ich aus dem Wasser, Rekordzeit, hurra!! und fühlte mich top. Durch den Sand in die Wechselzone - die Füße mit Wasser abspülen - nein, dieses mal nicht, ich probiere es mal so! Machen doch alle anderen auch... ja, draus gelernt, so viele (Blut-)Blasen hatte ich noch nie...und ab aufs Rad.

Wie immer bei solchen Startermassen war es anfangs zum Teil unmöglich, nicht in der Windschattenzone von 10 Metern zu fahren, trotzdem kann man immer deutlich sehen, wer es absichtlich macht und wer zumindest versucht, halbwegs fair zu fahren. Die ersten 90 km freute ich mich über einen Schnitt von über 35km/h, yeahhh, so schnell war ich noch nie unterwegs!! Und zum Teil war ich komplett alleine auf der Strecke, gegen den Wind, am Horizont ein Windschattenpackl... naja, so ist das eben und die Schiedsrichter waren eh schwer beschäftigt. Enjoy and let go, mach dein eigenes Ding, egal, was passiert.

Dann tauchten leider Sternchen vor meinen Augen auf, Unterzucker, ja, wie konnte denn das passieren??? Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits ein Packerl Mannerschnitten, einen Schinken-Käse-Toast, okay, einen halben.... und einen weiteren Riegel vertilgt und meiner Meinung nach auch genug getrunken. Rückblickend war es wohl doch nur eine Flasche und definitiv zu wenig bei der Hitze und dem starken Wind. Also trinken, trinken und alles essen, was hinein geht und vor allem ruhig bleiben. Ist echt nicht lustig, wenn man kaum etwas sieht vor lauter Sternen, während man mit knapp 30 km/h alleine gegen den Wind kämpft, Schlaglöcher übersieht, Bodenwellen nur erahnen kann,... und das ganze dauerte leider gut 15 km an. Dann kam eine Verpflegungsstation und mit etwas Cola konnte ich wieder alles in den Griff kriegen, gelobt sei in solchen Situationen der raffinierte Zucker.

Uff, okay, das war der erste Einbruch, bissi selbst loben - gut gemeistert - und weiterfahren, wieder etwas mehr Gas geben und mehr trinken!!

 

Die Radstrecke war ja wiedermal ein Traum, wunder-, wunderschön!! Und jetzt ging es mal durch den Wald (leider aber nicht schattig) weiter den Berg hinauf, 500-600 Höhenmeter auf einen Sitz, Kräfte gut einteilen und Frauen überholen, wenn möglich. :-) Hinunter dann aufpassen, die Serpentinen konnte man bzw ich nicht so schnell nehmen, da hab ich noch einiges zu lernen am Rad. Schon matchten wir uns zu dritt aus meiner Altersklasse hin und her, Amerika, Deutschland, Österreich... die Amerikanerin war deutlich stärker als wir anderen zwei und beging bald die Flucht nach vorne. Und die Deutsche verschwand bei km 150 in einem riesigen Windschattenpack, tja...war ich grantig, aber wie. Und die Kraft ließ auch nach, die letzten 30 km (eigentlich 25, die Strecke war etwas zu kurz) gingen hauptsächlich gegen den Wind und wieder war ich komplett alleine. Und wütend. Aber auch das muss man dann in den Griff bekommen und etwas draus machen, sonst kostet diese Wut Energie anstatt etwas zu bringen. Also aufheben für den Lauf ;-) Und Tempo halten, konzentrieren, essen, trinken, hohe Frequenz, damit die Beine fit sind fürs Laufen.

Einmal wurde ich noch von einer Dreiergruppe überholt, in der Mitte die spätere Siegerin meiner Altersklasse, allerdings doch zumindest halbwegs fair fahrend, also zwar keine 10m Abstand, aber auch nicht am Hinterreifen des Vordermannes hängend, und immerhin nicht im Pack von 30 Leuten. Und dieses Mal hing ich mich auch 2km lang dran, das gebe ich gerne zu, ganz die dumme wollte ich auch nicht sein, beruhigte meine Wut nochmal, trank noch etwas und dann überholte ich die drei vor mir und gab nochmal Gas in Richtung Wechselzone.

 

Dort standen in der Penalty Box ein ganzer Haufen Athleten, darunter die Deutsche von vorhin. Also doch etwas Gerechtigkeit.

5h 32 min, wesentlich schneller als erwartet bei der Strecke.

Und jetzt aber - die Wut nutzen und auf die Laufstrecke bringen!! Aber gut einteilen, der Respekt ist noch immer groß, wer weiß, was noch alles passiert, ein Marathon ist lang.

Auf den ersten Kilometern überholte schon die Siegerin in einem Tempo, das für mich unmöglich zu laufen war. Gut, die ist weg. Mal schauen, wer da noch so vor mir herum krebst.

Und dann lief es, bzw eigentlich ich :-), richtig gut, zwar immer mit etwas Zurückhaltung, aber es klappte so richtig nach Plan. Einmal einen Halbmarathon laufen und nicht viel weiter denken, dann eine halbe Runde dran hängen und sich dann eine Gehpause gönnen, danach wäre dann nicht einmal mehr ein Halbmarathon übrig. Immer das eigene Ding machen, die anderen ignorieren. Und schon war die Hälfte um, ich auf Platz 3 in meiner Klasse (als fünfte stieg ich vom Rad), die Gehpause war nicht nötig, weiter, eine Runde nach der anderen, und plötzlich tauchte Nummer 2 vor mir auf. Hoppala, wenn Du die jetzt überholst, kriegst Du einen Slot für Hawaii!!! Hilfe!!! Noch dazu war das in meinem Kopf die größte Konkurrentin, hatte ich doch vor dem Wettkampf das Ironman-Ranking studiert, allerdings nur das für die Halbdistanz-Rennen, und da war sie weltweit Nummer 1, ich auf Platz 8 in unserer Klasse. Also gut, liebe Nummer eins, jetzt komme ich :-) 

Bei Kilometer 29 zog ich an ihr vorbei, meinen Marathon-Einbruch (Müdigkeit, langsamer-werden, Krämpfe in den Zehen und kurz auch im Oberschenkel) hatte ich hinter mir und fühlte mich gut. Noch 13 km, das hieß, solide das eigene Tempo weiter laufen, bei den Turns besonders stark und entspannt aussehen für die jetzige Nummer drei hinter mir (psychologische Kriegsführung ;-)) und ab und zu, wenn es der Körper noch zuließ, versuchen, ein bisschen anzugasen, um einen Vorsprung raus zu holen.

Bei jeder Gelegenheit noch einen Schluck trinken, nochmal einen Traubenzucker hinunter würgen und, das wichtigste, die letzten Kilomter "genießen"!!! Die letzte Anstrengung der Saison, die letzten Schmerzen, das letzte mal schnaufen, enjoy and let go!!

Und wenn es wahr ist, laufe ich jetzt als Nummer 2 ins Ziel, das bedeutet die Hawaii-Qualifikation - was mach ich denn jetzt? Ich geh doch schon nach Australien! Egal, das kannst Dir in Ruhe in der Nacht überlegen, wennst eh nicht schlafen kannst...

 

Das Ziel - keine Ahnung, welche Zeit ich da produziert hab (ich bin auch ganz bewusst ohne Zeit-Vorstellungen ins Rennen gegangen, weil mir klar war, dass Mallorca kein einfacher Bewerb war und Wind und Hitze auch nicht abzuschätzen waren) - ah eine 10:20! Na, das passt! (Ein 3h 38-Marathon, wie ich später erfuhr) Riesenfreude, einfach nur Riesenfreude... und natürlich totale Erschöpfung, aber das war's wert.

Tatsächlich Platz 2 in meiner Klasse und gesamt 13te Frau, Profis inklusive, mit Abstand mein bestes Ergebnis auf der Langdistanz.

 

Am nächsten Tag konnte ich es noch immer kaum glauben, ich hatte mich für Hawaii qualifiziert... Aber eins war klar, ich würde den Slot nehmen, ein Riesen-Traum ging in Erfüllung und eine einmalige Chance, sowas passiert mir wohl so schnell nicht wieder. Siegerehrung und Slot-Vergabe am Strand bei Sonnenschein, es war genial.

Und jetzt - erholen, ausruhen, faul sein... und die Vorfreude aufs nächste Jahr genießen... Lissabon (EM Kurzdistanz), Australien (WM Halbdistanz) und Hawaii (WM Langdistanz) warten!!!

 

Danke, liebes Bioladen-Team, für die tolle Unterstützung diese Saison!!! Und damit meine ich nicht nur meine vielen Leckereien und Hilfsmittel für einen Wohlfühlbauch vor, während und nach dem Rennen, sondern auch die "emotionale" Betreuung, den Austausch von Erfahrungen, Meinungen und Ideen und am wichtigsten - Ihr habt immer an mich geglaubt!!